Auch wenn es gewisse US-amerikanische Präsidentschaftskandidaten offenbar immer noch nicht wahrhaben wollen, aber die Erdatmosphäre wird wärmer. Einen anschaulichen Beweis dafür liefern zahlreiche Schweizer Gletscher, die vor den heissen Temperaturen von Jahr zu Jahr weiter in ihre steinzeitlichen Einzugsgebiete zurückkrebsen. Auf dem Weg von Zürich nach Brig, der ersten Destination meiner Reise, fahre ich auf dem Furkapass an einem dieser gefrorenen Flüsse, dem Rhonegletscher, vorbei.

DSCN1475
Ewiges Eis? Schneesportler wandern über den Rhonegletscher, oder besser gesagt über das, was von ihm übrig geblieben ist. Foto: zuc123 CC BY 2.0 (06.Juni.2015)

Auf dieser alten Handelsroute, die das Wallis früher zumindest im Sommer mit der Aussenwelt verband, präsentiert sich mir ein eher fragwürdiges Phänomen: Um den Gletscher vor den UV-Strahlen zu schützen, wurden weisse Filztücher auf dem Gletscher ausgelegt, um das wärmende Licht zu reflektieren. Gleichzeitig wurde der Gletscher aber wortwörtlich auch ausgehöhlt:

DSCN1481
Im Innern des Gletschers: Die Eisgrotte erstreckt sich über mehrere hundert Meter. Foto: zuc123 CC BY 2.0 (6. Juni 2015)

Den vorbeifahrenden Touristen können so mit einem Besuch in der Eisgrotte des Rhonegletschers noch einige Franken aus dem Portemonnaie gelockt werden.

Dem Widerspruch auf der Spur

Ramon Schnyder hat dieses Paradoxon in eindrücklichen Bildern festgehalten, auf denen die weissen Filztücher sowie der Eingang zur Eisgrotte zu sehen sind:

Um mehr über den Hintergrund seiner Gletscherarbeit zu erfahren, habe ich dem Oberwalliser Künstler einige Fragen gestellt:

Der Auslandschweizer: Wie bist du auf die Idee gekommen, die weissen Filztücher auf dem Rhonegletscher zu fotografieren?

Ramon Schnyder: Ursprünglich habe ich Gletschereis in Einmachgläsern konserviert, um diese an einer Ausstellung zu zeigen. Um den Vorgang zu dokumentieren, habe ich noch einige Fotos vom Gletscher geschossen, wobei diese kontroverse “Sehenswürdigkeit” meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Während des Fotografierens ist mir nämlich aufgefallen, dass diese Filztücher den Gletscher auch auf eine Art konservieren und die Fotos demnach denselben künstlerischen Ansatz verfolgen wie die Ausstellung der Einmachgläser. Als ich zuhause die Fotos anschaute, ist mir erst richtig bewusst geworden, wie stark die Bilder wirken. Da ich mich ja sowieso sehr mit der Wirkung von natürlichen und künstlichen Bildern befasse, realisierte ich, dass diese Fotos für sich eine eigenständige Arbeit darstellen könnten. Somit ist diese Arbeit als zweites Produkt der eigentlichen Gletscherkonservierung entstanden.

Was sagt der Widerspruch zwischen den weissen Filztüchern einerseits und der Aushöhlung des Gletschers andererseits über den Zustand unserer kapitalistischen Gesellschaft aus?

Diese “Sehenswürdigkeit” gibt es ja bereits über 100 Jahre. Früher begab sich der reiche Städter in die Natur, um das Wilde und Gefährliche zu suchen, was er in der Stadt nicht finden konnte. Heute fahren vor allem Touristen in klimatisierten Luxuslinern über den Furkapass, drängen sich durch den vollgestopften Souvenirshop und schauen sich im Vorbeigehen noch kurz die Eisgrotte im Rhonegletscher an. Der Gletscher ist aber mehr als nur eine Touristenattraktion, er ist die Quelle der Rhone, imposant und mächtig und von Menschenhand eigentlich kaum zu bändigen.

Diese schmelzende Sehenswürdigkeit wird nun mit Mühe und Not versucht, am Leben zu erhalten. Mit Leichentüchern. Und um der Natur beim Sterben zusehen zu können, muss man sogar noch Geld bezahlen. Wenn man jedoch “Rhonegletscher” googelt, sind diese Filztücher nicht mehr zu sehen. Dort herrscht dann immer noch Postkartenidylle. Ich glaube, das sagt sehr viel über unsere Gesellschaft aus.

Welche Reaktionen hat deine Arbeit ausgelöst?

Die Fotos wurden in der Regel sehr lange angeschaut und studiert. Leute assoziierten die Bilder mit der chaotischen Stimmung von Naturkatastrophen, Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern. Die Fotos fesseln den Betrachter, da er sie nicht einordnen kann, nicht weiss, was genau darauf abgebildet ist und was das soll. Man sieht lediglich, dass künstlich in die wilde Natur eingegriffen wurde. Es ist paradox. Die Bilder wurden auch gekauft und in Wohnzimmern aufgehängt. Von Künstlern, Kunstinteressierten sowie von Kunstbanausen. Ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll.

Was hast du während der Arbeit über den Gletscher gelernt?

Ich habe gelernt, dass es für alle Phänomene immer mindestens zwei Erklärungen gibt. Gletscher sind schon immer geschmolzen und danach wieder gewachsen. Wie sich die Menschen diesen Zyklus erklären, ist schlussendlich Ansichtssache und hängt stark davon ab, welche Medien gelesen werden und wie die verbreiteten Informationen verarbeitet werden. Unterschiedliche Wissenschaftler verbreiten unterschiedliche Meinungen und Erklärungen, wobei alle die Deutungshoheit für sich selbst beanspruchen. Was man am Ende glaubt oder verwirft, ist persönlich. Schlussendlich geht es um Wahrnehmung und Wirkung von Informationen.