Mein Grossonkel Raymond Simon ist mit seinen stolzen 100 Jahren das älteste Mitglied meiner Familie. Zusammen mit seiner Tochter Pierrette wohnt er immer noch in seinem Haus in Naters bei Brig.

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Als die “Binne” noch Grünfläche war: Raymonds Wohnort Naters. Foto: Rotten Verlag / “Erinnern Sie sich” (1930er)

Ich wollte meinen Grossonkel vor meiner Abreise unbedingt noch einmal besuchen, um mir einige wertvolle Tipps sowie seinen Segen für mein Vorhaben geben zu lassen.

Familienbesuch

Zusammen mit meinem Onkel Gabriel und seiner Lebenspartnerin Catherine habe ich Raymond und Pierrette an einem Sonntag bei ihnen zuhause besucht.

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Die Verwandtschaft: Tante Catherine, Onkel Gabriel, Grossonkel Raymond, Tante Pierrette (v.l.). Foto: Philippe Stalder (August 2015)

Das Treffen entwickelte sich schnell zu einem schönen und aufschlussreichen Familiengespräch. Wir sprachen über Raymonds Jugend, seinen Dienst während des Zweiten Weltkrieges, sein erstes Auto sowie über den technologischen und gesellschaftlichen Wandel, der die Zeit in den letzten hundert Jahren mit sich brachte.

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Familie auf der Bettmeralp: Als man zur Sömmerung das Vieh von Betten auf die Alpe brachte. Foto: WB / Franz von Riedmatten (1930er)

Tante Catherine: Onkel Raymond, gestern war ich an einem Fest von einer Frau aus Naters, der Roswita Sommermatten, die ihren 80. Geburtstag feierte. Roswita hatte mir am Fest gesagt: „In Naters gibt es nur einen Gentleman, genau einen, und der heisst Raymond Simon.“

Onkel Gabriel: Da musst du jetzt aufpassen Raymond, die hat etwas im Sinn (lacht).

Der Auslandschweizer: Grossonkel Raymond, ich habe im Artikel des Walliser Botens über dich gelesen, dass du während des 2. Weltkrieges auf dem Simplonpass stationiert warst. Wie war das damals?

Grossonkel Raymond: Das war nicht anders als heute. Man musste einfach mitmachen und gehorchen.

Onkel Gabriel: Ihr hattet doch Tauschhandel mit den italienischen Soldaten betrieben.

Grossonkel Raymond: Ja, der Schmuggel florierte während des Krieges. Ich erinnere mich nur noch, dass wir auf dem Simplonpass mit dem Feldstecher von oben die Italiener gesehen haben, wie sie die Passstrasse hochkommen. Wir hatten schnell bemerkt, dass die etwas mitbringen. Als sie näher kamen, sahen wir, wie sie verschiedene Stoffe und andere Waren, die schwer zu erhalten waren, mitbrachten.

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Militärdienst: Gomser Soldaten im Aktivdienst. Foto: WB / Franz von Riedmatten (1930er)

Der Auslandschweizer: Bestand keine Feindschaft zwischen euch?

Grossonkel Raymond: Nein, die Soldaten, die auf dem Pass patrouillierten, waren unsere Kollegen. Das erste Mal, als ich auf den Pass kam, habe ich verschiedene italienische Scharfschützen gesehen, die für den Fall der Fälle in Schiessbereitschaft gewesen wären. Danach haben wir uns jedoch gut verstanden und haben ein Gläschen Wein miteinander getrunken. Ich habe immer noch die verschiedensten Sachen aus Italien, die ich auf dem Pass geschenkt bekam. Unten im Tal war Krieg, doch oben auf dem Pass hatten wir Freundschaft.

Der Auslandschweizer: Was war deine Funktion Grossonkel Raymond?

Grossonkel Raymond: Hauptmann. (Er trinkt seinen Kaffee aus und überlegt…) Jaja, das war nicht gleich wie heute. Heute ist das Luxus im Vergleich zu früher.

Onkel Gabriel: Deswegen bist du heute wohl auch noch so fit. Du warst einfach abgehärtet. Früher seid ihr doch noch zu Fuss auf die „Kläna“ Skifahren gegangen, oder?

Grossonkel Raymond: Morgens um fünf Uhr ging es los. Da ist man schön viel gelaufen. Das war interessant. Da hat man ohne abzumachen immer Freunde auf dem Weg getroffen, die alle die Tour gemacht haben.

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Ohne Lift zu Berg: Herbrigger Skifahrer. Foto: WB / Hans Gitz (1930er)

Tante Catherine: Und das alles zu Fuss. Da gab es noch keine Bahn und kein Postauto. Selbst von Blatten auf die Belalp musste man laufen.

Onkel Gabriel: Wann hattest du das erste Mal ein Auto, magst du dich noch daran erinnern, Raymond?

Grossonkel Raymond: Das war erst 1954. Davor war ich immer zu Fuss unterwegs. Das war eine Sensation damals, wenn du mit dem Auto angekommen bist. Ich weiss noch genau, ich fuhr einen Opel Rekord. Die Gangschaltung war da noch am Lenkrad dran. Und auch die Prüfung erhielt man viel einfacher. Ausser man fuhr zu schnell, da rief der Fahrlehrer dann schnell mal „Stopp“.

Tante Pierrette: Früher in den 50er Jahren gab es hier in Brig nur sehr wenige Autos. Auch noch in den 60ern, als ich Auto fahren lernte, waren die Strassen noch leer. Ich hatte damals mit einem Opel Olympia fahren gelernt, da musste man jeweils noch den Choke einschalten, um den Motor anzulassen. Ich hatte kaum den Führerschein, da fuhr ich mal nach Brig. Als ich zurück fuhr, hatte ich vergessen, den Choke zu drücken, da ist mir der Motor “abgesoffen” und mitten auf dem Bahnhofplatz stehen geblieben (alle lachen).

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“Eine Sensation”: Die ersten Autos auf dem Briger St. Sebastiansplatz. Foto: WB / Walter Bittel

Onkel Gabriel: Tante Gritli war immer so lustig gefahren, die hat immer gerufen „Achtung, jetzt komme ich“ und die Fussgänger dabei fast überfahren. Einmal wurde sie von der Polizei sogar angehalten, weil sie zu schnell unterwegs war. Da fragte sie den Polizisten entrüstet, ob er überhaupt wüsste, wer sie sei?! (Gritli kam aus einer “besseren” Familie)

Tante Catherine: Bei uns zuhause ist sie auch einmal in den Zaun gefahren, das war damals sehr amüsant (lacht ausgelassen).

Onkel Gabriel: Und heute wollen alle nur noch Fahrrad oder Bahn fahren.

Grossonkel Raymond: Bei wem hast du denn gelernt Auto zu fahren, Gabriel?

Onkel Gabriel: Ich hatte nur den Lernfahrausweis. Einen Führerausweis habe ich nie gehabt. Das war aber gar nicht so schlimm, während meiner Zeit in Genf bin ich einfach immer ohne Ausweis herumgefahren.

Tante Pierrette: Dein Bruder Beni ist ja auch immer ohne Permis rumgefahren.

Onkel Gabriel: Das war ja früher auch kein Problem. Da hattest du einfach einen Kollegen, der mit dir auf einer Nebenstrasse fahren kam und nach zwei, drei Tagen konntest du das. Aber heute ein Permis zu machen, das ist ja so unglaublich kompliziert geworden! Die ganzen Kurse, Erste Hilfe, Verkehrskunde und selbst dann das Permis nur auf Probe. Früher bist du an der Autoprüfung einfach 15 Minuten nach Sitten gefahren und fertig.

Tante Pierrette: Naja, also so einfach war das auch nicht, ich habe die Prüfung ja gemacht. Damals haben mich alle vor diesem Heldner gewarnt, dem Beamten, der die Fahrprüfung abgenommen hatte. Und prompt habe ich diesen “Trottel”bekommen. Früher war die Bahnhofstrasse ja noch eine Einbahnstrasse. Nach der Prüfung fragte er mich, ob ich ihn noch in die falsche Richtung zur Apotheke in der Bahnhofstrasse fahren könne, er müsse da noch etwas besorgen. Ich sagte ihm, er solle laufen, denn es wäre verboten. Dann meinte er noch zweimal „doch, doch, fahren Sie einfach weiter“, aber ich blieb stur. Als er mich zurück zum Fahrlehrer begleitete, sagte Heldner ihm noch, dass ich jetzt die Erste war, die er nicht reinlegen konnte.

Der Auslandschweizer: Hast du mit all deiner Lebenserfahrung noch einen Tipp für unsere Reise?

Grossonkel Raymond: Ach, so viel bin ich gar nicht herumgekommen. Früher noch mehr, jetzt ist einfach Stillstand. Naja… (nachdenklich) Passt einfach aufeinander auf und seid lieb miteinander.

Tante Catherine: Gabriel ist der “Reiser” in der Familie.

Onkel Gabriel: Ja, ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach schauen, dass sie keinen Durchfall bekommen: peel it, cook it, or fry it (lacht). Im Ernst, heute sind die Distanzen ja viel kürzer geworden, das sind nicht mehr so grosse Schritte wie früher. So wie wir ab und zu nach Domodossola fahren, fliegen die Jungen heutzutage nach Australien. Als wäre es nichts. Aber es kostet ja auch nichts mehr mit all diesen Billigfluggesellschaften.

Der Auslandschweizer: Bist du auch schon einmal geflogen, Raymond?

Grossonkel Raymond: Ja, das war ein Erlebnis. Wir sind nach Wien geflogen. Einmal und nie mehr. Ich war so erleichtert, als wir gelandet sind. Meine Frau hatte grosse Angst und hat herumgeschrien.

Onkel Gabriel: Waren deine Ohren nach der Landung noch dran? (lacht)

Tante Pierrette: Und einmal bist du doch mit deiner Frau zum 50. Jahrestag mit dem Schiff von Basel nach Amsterdam gefahren.

Grossonkel Raymond: Hmm… mag sein.

Der Auslandschweizer: Wie hast du deine Frau kennen gelernt, Raymond?

Grossonkel Raymond: Du stellst Fragen Junge!

Onkel Gabriel: Pass auf Raymond, das ist ein Journalist (lacht).

Der Auslandschweizer: Mich interessiert, wie man sich früher im konservativen Oberwallis kennen lernen konnte. Auf einem Fest oder im Bus oder wie?

Grossonkel Raymond: Haha, im Bus! Hast du deine Freundin in einem Bus kennen gelernt oder wie?

Der Auslandschweizer: Nein, auf einem Fest in Amsterdam. Wir hatten lange gar nicht gemerkt, dass wir beide Deutsch sprechen und so unterhielten wir uns erst eine halbe Stunde lang auf Englisch (lacht).

Grossonkel Raymond: Ich glaube, ich habe meine Frau auch an irgendeinem Fest kennen gelernt, ich weiss aber nicht mehr wo.

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Streetparade 1.0: Einer der ersten Auftritte der Musikgesellschaft Münster. Foto: WB / Francis Pianzola (Datum unbekannt)

Onkel Gabriel: Viele Gelegenheiten gab es früher auch gar nicht, es war ja alles nach Geschlechtern getrennt: die Schule, die Kirche, die Vereine.

Tante Pierrette: Die Schule der Mädchen war auch immer zehn Minuten früher aus, damit man sich nicht in die Quere kam.

Tante Catherine: Wir waren immer um 20 nach fertig und die Jungs erst um halb (lacht schelmisch).

Onkel Gabriel: Selbst die Sonntagsspaziergänge der internen Internatsklassen waren so koordiniert, dass sich die Jungen- und Mädchenklassen nicht begegnen konnten. Naja, irgendwo haben wir die Mädchen dann trotzdem aufgespürt (lacht).

Der Auslandschweizer: Wie hat dir Amsterdam denn gefallen, Raymond?

Grossonkel Raymond: Wenn ich noch wüsste, wie es ausgesehen hat… (alle lachen).

Onkel Gabriel: Raymond wäre gerne auf eine Weltreise gegangen, aber seine Frau war eher eine sesshafte.

Grossonkel Raymond: Alles zu seiner Zeit.

Tante Pierrette: Und jetzt, wo du die Zeit hast, kannst du nicht mehr gehen (seufzt).

Onkel Gabriel: Für euch ist das jetzt der perfekte Moment. Viele meiner Schulfreunde sagten immer, sie gehen dann reisen, wenn sie pensioniert sind. Und jetzt, nach der Pensionierung, sind alle zu müde.

Grossonkel Raymond: Da hast du Recht! Geht auf Reisen bevor die Kinder kommen und ihr fest im Arbeitsleben steckt.