Ich traf die Theaterregisseurin Eleonora Pippo an einer Juicebar in Venedig, als sie sich nach einem Workshop an der Biennale zusammen mit ihren Theaterfreunden eine alkoholische Erfrischung genehmigte. Die 38-jährige Italienerin erzählte mir von ihrem aktuellen Theaterstück „Five Happy Dead Boys – The Lo-Fi Musical“, einer romantischen Horror-Comic-Saga über Teenage-Zombies, die in der Pubertät und der damit verbundenen Unsicherheit gefangen sind.

 

Dazu verdammt, für alle Ewigkeit nur noch Menschenfleisch zu essen, können sie weder altern noch lieben – zwei der essentiellsten menschlichen Prozesse.

Skript basiert auf Comic

Das Skript basiert auf dem 1994 erschienenen, gleichnamigen Comic von Davide Toffolo, der mit seiner Band “Tre allegri ragazzi morti” den Soundtrack zum Theaterstück geliefert hat und ihn auf der Bühne gleich live und unplugged mitspielt.

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Gefangen in der Pubertät: Toffolos Comic wurde im Zuge des Theaterstücks dieses Jahr nochmals in Farbe publiziert. Bild: Panini Comics / Davide Toffolo (2015)

Pippos Augen fingen an zu glänzen, als sie mir erklärte, welche Auswirkungen das Low-Fidelity-Konzept auf die Rezeption des Theaterstücks hat. Da sie keine technischen Hilfsmittel, also keine Scheinwerfer, keine Mikrofone und keine Verstärker verwende, sei die Wahrnehmung des Theaters viel direkter, die Erfahrung als solche sehr intim und unmittelbar.

“Theater ist eine sehr schwere Art der Kommunikation”: Eleonora Pippo lässt ihre Zombie-Teenager leiden. Video: YouTube / LaTempesta (28.01.2014)

Pippos Begeisterung fürs Theater beeindruckte mich so sehr, dass ich mehr über ihre Arbeit erfahren wollte. Also habe ich mich mit ihr für ein Interview verabredet:

Der Auslandschweizer: Was war das erste Theater, das du in deinem Leben gesehen hast und was hat dich daran fasziniert?

Eleonora Pippo: Das war eine Operette in Pordenone von Sandro Massimini, dem Altmeister dieses Genres. Was mich daran fasziniert hatte, war, dass man echte Menschen sieht, wie sie echte Dinge tun. Ich fand es toll, Leute zu beobachten, ohne dabei gesehen zu werden.

Faszinierte dich also auch ein voyeuristisches Element?

Ja, vielleicht. Aber auch einfach, weil das Theater lustig und unterhaltsam war. Und ich spürte zum ersten Mal echte Emotionen. Zudem war das Theater später, als ich selber auf der Bühne stand, für mich als verklemmtes Mädchen eine gute Möglichkeit, um gesehen zu werden. Als ich mit 13 im Schultheater anfing, hatte ich keine Freunde, war fett und hatte Angst vor Leuten. Ich war sehr introvertiert. Ich konnte auch nicht sprechen (lacht). Doch bereits meine erste Show war ein grosser Erfolg. Ich spielte die Hauptrolle in einer Komödie und das ganze Publikum musste laut drauf los lachen. Ich bin eine echte Komikerin, ich kann die Leute unterhalten, weisst du.

Wie würdest du die aktuelle Situation des Italienischen Theaters beschreiben?

Das Italienische Theater ist im Vergleich zu London oder Berlin sehr altmodisch. Wir spielen nicht in unserer Zeit.

Wieso seid ihr so anachronistisch?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass die Leute, die in Italien wichtige Entscheidungen, wie z.B. die Verteilung von Fördergelder treffen, das Theater als Machtinstrument der politischen Elite benutzen. Es ist in Italien nicht wirklich ein Ort für Kritik. Diese Leute hängen aus Prestigegründen zwar gerne mit den Künstlern aus der Theaterszene rum, aber sie interessieren sich nicht wirklich für deren Belange. Und so kommt es, dass niemand das Rad neu erfinden will. Und selbst die Theaterleute beziehen sich fast nur auf ihren elitären Kreis. Im Italienischen Theater gibt es keinen direkten Bezug zum Publikum.

Die Kunst sollte aber ja die herrschenden Machtverhältnisse kritisieren. Denkst du, das Italienische Theater wurde von der Elite korrumpiert?

Ja, absolut. Es gibt zwar wenige Leute, die sich weit aus dem Fenster lehnen und die politische Elite kritisieren, aber solange du nicht zum inneren Kreis gehörst, wird dich auch niemand sehen, egal wie kritisch du bist. Und es ist schwierig, da rein zukommen. Wenn sich dem jemand widersetzt, dann wird er schlicht keinen Erfolg haben können.

Beschreibe doch einmal diesen Mechanismus. Wie genau läuft die Einflussnahme über die Verteilung der Fördergelder ab?

Da ich selber Theaterregie mache und nicht Theaterfinanzierung, weiss ich da nicht genau im Detail Bescheid. Dieses Jahr wurde jedoch ein neues Gesetz verabschiedet, welches 70 Prozent der nationalen Fördergelder ausschliesslich nach quantitativen Faktoren, wie Anzahl Sitzplätze eines Theaters, verteilt und nur noch 30 Prozent der Gelder werden nach qualitativen Kriterien verteilt. Dies begünstigt vor allem die grossen nationalen Theater, welche ohnehin schon eine gute Stellung haben. Alle kleineren, unabhängigen Produktionen wurden dadurch stark benachteiligt. Dies ist vor allem deshalb traurig, weil das Italienische Theater traditionell auf Touren basiert. Jedes Kaff hat sein eigenes Theater und so konnten bisher auch kleinere Gruppen durchs ganze Land reisen. Mit dem neuen Gesetz wird das Touren nun erschwert. Denn mit dem neuen Gesetz wurde es für ein Theaterunternehmen lukrativer, in einer Stadt zu bleiben, da es dafür durch den neuen Verteilungsschlüssel nun finanzielle Anreize gibt. Das meiste Geld bekommen nun die grossen nationalen Theater und die kleinen tourenden Indie-Theater sind nun weitgehend ausgeschlossen, da sie niemand mehr hosten will. Es ist noch ungewiss, wie genau sich das neue Gesetz schlussendlich auswirken wird, aber die gesamte Szene ist sehr besorgt.

Was sind deine Zukunftspläne?

Momentan arbeite ich am Skript eines Comics über Teenage-Riot-Girls. Ich möchte später aber auf jeden Fall mit dem Lo-Fi Theater weitermachen, da es sich ja um eine Saga handelt, bietet sich das auch gut an. Ich werde die Fortsetzung dann aber nicht in einem klassischen Theatersaal aufführen, sondern im anatomischen Theater von Padua, einem Hörsaal für anatomische Vorlesungen und Übungen, wo zu Ausbildungszwecken früher Leichen von Menschen und Tieren seziert wurden. Ich glaube, das ist ein passenderes Setting (lacht).

Angemessener Schauplatz für Pippos Lo-Fi Theater: Teatro Anatomico di Padova. Bild: Marco Bisello / Wikimedia Commons BY 2.0 (20. April 2006)
Angemessener Schauplatz für Pippos Lo-Fi Theater: Das anatomische Theater von Padua. Bild: Marco Bisello / Wikimedia Commons BY 2.0 (20. April 2006)

Deine Protagonisten sind oft Jugendliche. Zielst du denn auch auf ein junges Publikum ab?

Nein, nicht direkt. Die Teenage-Zombies sind nur eine Metapher, um über die herausfordernden Gefühle zu sprechen, die man spürt, wenn man eine Entscheidung treffen muss, ohne sich dabei richtig zu kennen. Dieses Gefühl kann jeder in unterschiedlichen Lebensabschnitten erleben. Du fühlst dich in deiner Haut und in deinem Körper schlecht. Dieses Gefühl ist sehr tief und stark und du kannst es nicht kontrollieren.

Lässt du die Teenager leiden, damit du da selbst nicht durch musst? Ist Theater für dich Selbsttherapie?

Nein, ich habe einen Therapeuten, ich gehe dreimal die Woche zu ihm (lacht). Theater ist keine Therapie, es ist Spass und Leidenschaft.

Was ist deine Botschaft an angehende Schauspieler, die sich gerade überlegen, diesen Weg einzuschlagen?

Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, jungen Leuten Ratschläge zu erteilen. Es macht mich alt (lacht). Ausser vielleicht, dass wenn du dir nicht wirklich 100 Prozent sicher bist, diesen Weg zu gehen, du dann wahrscheinlich nicht für den Job geeignet bist. Denn das Theater fordert alles von dir und gibt dir nur wenig zurück. Du musst dran bleiben und es ist sehr schwierig, vor allem in Italien.

Grazie mille!

Grazie a voi.