Der Auslandschweizer versteht ja nicht besonders viel von bildnerischer Gestaltung. Trotzdem hat er sich dieses Jahr ganz nach dem Motto „öfter mal was Neues“ in Venedig unter die Kunstversteher der Biennale di Venezia gemischt. Immerhin soll es eine der relevantesten Kunstausstellungen unserer Zeit sein.

Mekka der internationalen Künstlergilde

Dem Flyer entnehme ich, dass die Biennale vom Nigerianer Okwui Enwezor kuriert wird. Die Ausstellung in den Giardini ist in einen internationalen Hauptpavillon und 25 nationale Pavillons gegliedert. Ich will ja nicht gezwungen kosmopolitisch wirken, aber sollte die selbsternannte Speerspitze der avantgardistischen Kunstelite nicht schon vor Jahren dem Nationalismus abgeschworen haben? Entartete Kunst und so? Naja, immerhin stimmen die mit übermässig viel Prosciutto belegten Brote in der Retrolook-Kunstbar den Auslandschweizer wieder etwas versöhnlich. Auf geht’s also in das Mekka der internationalen Künstlergilde.

Die alte Feuerwehrleiter

In der Eingangshalle des Hauptpavillons steht unter einer Kuppel, auf der ein mittelalterlicher FKK-Strand zu sehen ist, eine ca. zehn Meter hohe, etwas in die Jahre gekommene Feuerwehrleiter neben einer Mauer aus altertümlichen Koffern.

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Eine Feuerwehrleiter führt ins Leere. Bild: Melinda Azike (August 2015)

Ich versuche, mich wirklich unvoreingenommen zu verhalten, aber dieses erste Willkommenswerk scheint meine vielleicht etwas überholten Vorurteile gegenüber Kunstausstellungen bestätigen zu wollen. Bereits an dieser Stelle frage ich mich zum ersten Mal:

„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Im Ernst, was genau will mir der Künstler mitteilen? Eine Feuerwehrleiter, die ins Leere führt? Ich suche nach Assoziationen. Die Feuerwehr verbinde ich generell mit einer zivilgesellschaftlichen Bewältigung von Gefahren. Aber was genau bringt der Zivilgesellschaft eine Gefahrenbewältigung, wenn sie ins Leere führt? Oder soll das etwa Gesellschaftskritik sein? Und wieso steht daneben eine Mauer aus alten Koffern? Symbolisiert sie etwa die aufgetürmte Deponierung von zurückgelassenem Ballast? Oder handelt es sich hierbei um eine Anspielung auf den Song „Just another Brick in the Wall“ von Pink Floyd? So im Stil von jeder trägt seinen Rucksack mit sich? Viele Fragen, wenig Antworten.


Video: YouTube / Corey Williams (11.05.2006)

Kopfschüttelnd und leicht angenervt begebe ich mich in den Nebenraum. Na toll. Da hängt doch tatsächlich ein grosses, rosarotes Tuch über einem nach oben gerichteten Ventilator, der sich hin und her bewegt und dadurch das Tuch in wellenartige Bewegungen versetzt. Ich suche abermals nach Assoziationen, doch mir kommt beim besten Willen nichts Vernünftiges in den Sinn.

Erinnerungen an Frau Etter

Ich beisse in mein Prosciutto-Sandwich und muss kurz an Frau Etter, meine alte Deutschlehrerin, denken. Die hat in den banalsten Gedichten immer die abwegigsten und abstrusesten Metaphern gesehen.

Frau Etter: Wofür steht der Pflaumenbaum in Brecht’s Gedichten, Philippe?

Der Auslandschweizer: Hmm, allenfalls für Brecht’s unstillbaren Durst auf Raki?

Frau Etter: Um Himmels Willen nein! Die Existenz des kleinen Baumes ist natürlich eine anthropomorphisierende Analogie zu Brecht’s Lyrikproduktion in finsteren Zeiten.

Der Auslandschweizer: Ich glaube eher, es ist eine anthropomorphisierende Analogie zu ihrer Hörigkeit gegenüber Reclam-Interpretationen!

Frau Etter: Raus aus dem Klassenzimmer!

Verkohlte walisische Kakadus

Ich begebe mich in den nächsten Raum. Endlich ein Kunstwerk, mit dem ich etwas anfangen kann: historische Fotografien von Metallarbeiterinnen aus Wales. Ich lese das Kleingedruckte. Da die Frauen mit ihren verrusten Gesichtern und kompakten Staturen in der Regel nicht von ihren männlichen Kollegen unterscheidbar waren, mussten sie früher auf Anordnung des Barons Federn tragen, damit man ihr Geschlecht schon von Weitem erkennen konnte. So liefen sie also wie verkohlte Kakadus durch die tristen Fabrikhallen und gingen mit Federn auf dem Kopf ihrer harten Arbeit nach. So ein Kopfschmuck hätte Frau Etter auch nicht geschadet, denke ich mir und schon hellt sich meine Stimmung etwas auf.

Sexualisierte Kunst

Doch es dauerte nicht lange, bis ich mir wieder an den Kopf fassen muss. Oder besser gesagt, in den Schritt. In der nächsten Ecke wartet ein plastisches Strichmännchen, das mit den Händen hinter dem Kopf einen monströsen, erigierten Penis in die Höhe streckt und dadurch eine Brücke bildet. Ein überdimensionales, Freud´sches Ballontier sozusagen.

Sexualisierte Kunst: Das freud´sche Ballontier. Foto: Melinda Azike (August 2015)
Sexualisierte Kunst: Das Freud´sche Ballontier. Foto: Melinda Azike (August 2015)

Ich schaue um mich und frage mich, wie die anderen Besucher auf das Kunstwerk reagieren. Ich sehe nur staunende und verständnisvolle Blicke. Ich verstehe nicht, wieso die Menschen so intolerant sind, wenn es um Flüchtlinge geht, aber verständnisvoll bereit sind, für so einen Kackscheiss Eintritt zu bezahlen.

Wenig bis gar keine Gesellschaftskritik

Generell vermisse ich an der Biennale Kunstwerke mit Bezug zum Flüchtlingsdrama, welches sich nur unweit von der Ausstellung an der Grenze Europas abspielt. 163 Künstler, die in 89 Länderpavillons ihre Werke ausstellen, und ausser Tobias Zielony nimmt kaum jemand Bezug auf die grosse humanitäre Katastrophe, die Europa momentan heimsucht.

Habe ich da etwas falsch verstanden oder sollte Kunst der Gesellschaft nicht kritisch einen Spiegel vorhalten? An der Biennale ist sehr viel Selbstbeweihräucherung und Bauchpinselei seitens der Künstler zu sehen, aber wer Kritik an der Gesellschaft und den herrschenden Machtverhältnissen sucht, ist hier zu oft fehl am Platz. Das ist keine Kunst, das kann weg!

Etwas enttäuscht mache ich mich auf in Richtung Ausgang. Auf dem Weg dorthin wollte ich noch kurz im Schweizer Pavillon vorbei schauen, wo die Urner Künstlerin Pamela Rosenkranz den Hauptraum des Pavillons in einen Swimmingpool verwandelt hatte. Leider war der Pavillon aufgrund technischer Probleme an diesem Tag geschlossen. Es sollte wohl einfach nicht sein.