Auf einem Bootsausflug im Nationalpark des montenegrinischen Skatarisees traf ich den deutschen Publizistikstudenten Manuel. Er befand sich in Montenegro auf der Durchreise nach Mitrovica, einer Stadt im Norden Kosovos, wo er im Rahmen des ASA-Basisprogramms während der nächsten drei Monaten für eine lokale NGO politische Bildungsarbeit leisten wird.

Bootsfahrt im Skatarisee-Nationalpark. (August 2015)

Der Fluss Ibar spaltet Mitrovica in eine serbische Gemeinschaft im Norden und eine albanische im Süden. Die beiden ethnischen Gruppen leben weitestgehend isoliert voneinander und pflegen keinen besonders guten Kontakt.

Den Dialog fördern

Die lokale NGO bemüht sich darum, den Dialog zwischen den getrennten Gemeinschaften zu fördern und gegenseitige Vorurteile abzuschaffen – besonders unter den Jugendlichen.

Diese Brücke verbindet den serbischen mit dem albanischen Teil Mitrovicas. Bild: Wikimedia Commons / xx ()
Hier will Manuel weitere Brücken schlagen: Dieses Bauwerk verbindet den serbischen mit dem albanischen Teil Mitrovicas. Bild: AgronBeqiri CC BY-SA 3.0 (12. Januar 2013)

Nachdem wir vom Nationalpark nach Podgorica zurückgekehrt waren, interviewte ich Manuel spontan eine halbe Stunde bevor sein Nachtbus in den Kosovo abfuhr.

Der Auslandschweizer: Was ist deine Motivation und was hoffst du, in diesem Konflikt beitragen zu können?

Manuel: Meine Motivation ist es zu verstehen, wie kulturelle Kontexte das Verhalten von Menschen beeinflussen. Zudem möchte ich mein Wissen aus dem Studium in der Praxis anwenden. Ich habe mich an der Uni mit Themen wie Jugendarmut, oder der Rolle der UNO im Balkankrieg auseinandergesetzt. Zudem konnte ich während eines Praktikums beim Deutschen Filmmuseum in Frankfurt erste Erfahrungen mit Öffentlichkeitsarbeit sammeln. Ich habe jetzt zwar noch keinen direkten Bezug zu diesem Konflikt, aber in einer so verstrickten Situation kann es vielleicht sogar ganz gut sein, unvoreingenommen und ohne grosses Vorwissen ins Feld hineinzugehen und dadurch einen neuen Blickwinkel zu erlangen.

Wie hast du dich auf das Programm vorbereitet?

Im ASA-Ausbildungsseminar lernt man viel über globale Zusammenhänge und interkulturelle Kommunkationsfähigkeit und wird dadurch bereits auf das Wesentlichste vorbereitet:

ASA-Programm – Wie das geht?! from ASA-Programm on Vimeo.

Zudem habe ich viel über den Konflikt gelesen. Es ist eine sehr komplexe Lage. Es gibt ja nicht den Balkankrieg, sondern mehrere unterschiedliche Jugoslawische Zerfallskriege, die sich gegenseitig beeinflusst haben. Vereinfacht gesagt beanspruchen die Serben sowie die Albaner den Kosovo als Kernraum ihrer Identität und verwenden dabei entgegengesetzte kulturelle Narrative. Die andere Gesellschaft ist in beiden Versionen jeweils der barbarische Eindringling, während die eigene Gesellschaft zivilisierte Werte vertritt.

Ähnlich wie im Nahost-Konflikt?

Ja, aber nicht nur. Wenn der Postillon „Flüchtling renkt seinen Unterkiefer aus und verspeist blondes deutsches Kind bei lebendigem Leib“ titelt, dann kritisiert er auf eine zynische Art und Weise ja auch die mediale Bewirtschaftung von kulturellen Vorurteilen in Deutschland.

 

 

Welche Strategie könnte sich als erfolgreich erweisen, um diese kulturellen Vorurteile zu dekonstruieren?

Wenn es eine einfache Formel gäbe, dann wären die meisten Konflikte ja bereits gelöst. Ich denke aber, man sollte am immer noch stark vorherrschenden Nationalismus ansetzen und weniger an der Religion, die oft als ausschlaggebende Ursache des Konflikts genannt wird. Denn die Religion wurde erst problematisch, als sie mit dem Nationalismus verknüpft wurde. Vorher war die Lage während 400 Jahren friedlich, trotz unterschiedlicher Religionen.

Als Deutscher kommst du ja aus einem Land, das während der Wiedervereinigung selbst Erfahrungen mit der Zusammenführung von getrennt lebenden Gesellschaften gemacht hat. Denkst du, dass du davon etwas mitreinbringen kannst? Gibt es Berührungspunkte?

Hmm.. Das ist eine gute Frage. Es ist generell eher schwierig, Situationen eins zu eins in eine andere Kultur zu übertragen. Man muss immer die Hintergründe und die Umgebung analysieren und schauen, was man effektiv übernehmen kann. Zudem war ich bei der Wiedervereinigung erst sechs Jahre alt, das meiste habe ich auch nur über Dokus und Erzählungen mitbekommen.

Das Programm wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert. Wie siehst du die Rolle Deutschlands in diesem Konflikt?

Ich sehe die Rolle durchaus kritisch, denn das Bundesministerium sieht die finanzielle Unterstützung des Programms eher als Investition in die eigenen Bürger, die im Ausland Erfahrungen sammeln und diese dann in der Deutschen Wirtschaft einbringen können, und weniger als direkte Hilfe an den notleidenden Menschen. Das ASA-Programm versucht allerdings, diesem Einfluss entgegenzuwirken, indem es Austauschprogramme für die Partnerorganisationen anbietet, welche ihre Leute nach Deutschland schicken können. Diese machen allerdings nur rund 20 Prozent der gesamten Programme aus.

Was sind deine Erwartungen an das Projekt?

Ich hoffe, dass es eine spannende und lehrreiche Zeit wird und dass ich mich mit verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen produktiv auseinandersetzen werde. Ich möchte mich dadurch selbst reflektierter wahrnehmen und mein Bewusstsein darüber schärfen, welche Privilegien einem als weisser Mitteleuropäer zukommen und wie klein die eigenen Probleme im Vergleich doch eigentlich sind.

Was sind deine Pläne, wenn du zurückkommst?

Das weiss ich noch nicht so genau. Ich möchte jetzt erst mal diese Erfahrung machen und danach schauen, ob ich mit der politischen Bildungsarbeit weitermachen will. Ich muss mich aber auf jeden Fall mit dem Sinngehalt meiner künftigen Arbeit identifizieren können.

manuel
In Aufbruchstimmung: Manuel, vier Minuten bevor sein Bus fährt. (August 2015)

Zum Schluss noch eine ketzerische Frage: Wird dein Engagement vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise zuhause in Deutschland nicht dringender benötigt? Sollte man nicht auch in Heidenau und andernorts politische Bildungsarbeit leisten?

Hmm… Aus nationaler Sicht auf jeden Fall. Aber ich sehe mich nicht immer primär als Deutscher, das ist nicht der Schwerpunkt meiner Identität. Man kann nicht sagen, dass es wichtiger ist, im Heimatland zu helfen, denn man kann genauso gut auch in anderen Ländern etwas bewirken und das Gelernte dann wiederum zuhause anwenden. Oh, in vier Minuten fährt mein Bus, ich muss los!!

Alles klar, vielen Dank, viel Erfolg und eine gute Reise.

Danke gleichfalls.