Musik ist ja bekanntlich vielerorts eine brotlose Kunstform, doch die Musiker in Albanien haben ein besonders schweres Los gezogen. Abgesehen von einigen traditionellen Hochzeitskapellen ist die albanische Musikindustrie praktisch inexistent. In der stark ländlich geprägten Republik gibt es nur eine Hand voll Tonstudios und es sind sogar noch weniger Labels, die Künstlern den Vertrieb zeitgenössischer Musik ermöglichen. Nach dem Zusammenbruch der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft, welche die damalige „Kunst“ stark kontrollierte und ausschliesslich zu Propagandazwecken zuliess, konnte sich in der adriatischen Republik bis heute keine profitable Kunstszene etablieren.

Hartes Pflaster

Allen strukturellen Widerständen zum Trotz gibt es jedoch einige albanische Musiker, die auf diesem harten Pflaster trotzdem versuchen, als Künstler Fuss zu fassen. Zwei von ihnen, Bojken Lako und Semi Jaupaj, habe ich an einem Konzert von Alex Kelman im einzigen alternativen Club in Tirana, dem BokLand, kennen gelernt.

Gegensätzliches Paar: Semi (23) und Bojken (40). (September 2015)
Gegensätzliches Paar: Semi (23) und Bojken (40). (September 2015)

Bojken avancierte mit seiner Band „Fishhook“ in den 90ern in Albanien zu so etwas wie einem nationalen Superstar. Seither hat er mehrere Alben veröffentlicht, unzählige Festivals organisiert und einige TV-Sendungen produziert. Mit seinen 40 Jahren hat er den Kommunismus, die darauffolgende Aufbruchphase sowie den mittlerweile auch in Albanien eingekehrten Kapitalismus miterlebt.

Gegensätze ziehen sich an

Seine 17 Jahre jüngere Freundin ist eine angehende Soul und Jazz Sängerin, die es dieses Jahr bis ins Finale der kommerziellen TV-Show „Voice of Albania“ geschafft hat.


Semis grosser Moment: Das Finale von Voice of Albania. Video: YouTube / The Voice of Albania (27. Dezember 2014)

Im Gegensatz zu Bojken sind der 23-jährigen Sängerin die Anekdoten aus der kommunistischen Ära allerdings fremd. Amüsiert musste Bojken feststellen, dass Ramiz Alia, der letzte kommunistische Staatschef Albaniens, seiner Freundin gar kein Begriff mehr ist. Ich habe mich mit dem gegensätzlichen musikalischen Paar in einer Bar für ein Interview getroffen, um mehr über den Hintergrund, die Ambitionen sowie die Herausforderungen ihres künstlerischen Schaffens herauszufinden.

Der Auslandschweizer: Wie ist es, in Albanien als Musiker seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Semi: Es ist sehr schwer. Du musst wissen, hier in Albanien gibt es keine Musikszene im eigentlichen Sinne. Es gibt weder professionelle Labels noch gute Tonstudios. An der Musikhochschule gibt es noch nicht einmal einen Jazz-Studiengang. Wenn ich hier eine Musikausbildung absolvieren möchte, dann könnte ich nur Klassik studieren, was leider nicht meinen Plänen entspricht.

Der Auslandschweizer: War das schon immer so Bojken?

Bojken: Früher war es sogar noch schlimmer. Enver Hoxha, der zwischen 1944 und 1985 mit eiserner Hand die kommunistische Partei geführt hatte, war einer der härtesten kommunistischen Diktatoren. Schlimmer als Stalin. Wenn du dich damals mit der Kopie von einer Beatles-Tonkassette hast erwischen lassen, wurde deine gesamte Familie ins Straflager geschickt. Mein Vater wurde als Schauspieler selber von der Partei instrumentalisiert. Jede Zeile wurde damals kontrolliert, es war richtig schlimm. Die einzige Plattform für Musiker war die Teilnahme am Eurovision Song Contest und da bist du ohne Beziehungen gar nicht hereingekommen. Es gab keine künstlerische Freiheit im Kommunismus.

Der Auslandschweizer: Was passierte, nachdem 1991 die kommunistische Herrschaft ein Ende nahm?

Bojken: Wenn ich daran denke, werde ich richtig nostalgisch. Es war die gute alte Zeit. Grunge revolutionierte im Westen gerade die Musikszene und ich sowie alle meine Freunde wollten Teil dieser Revolution sein. Wir fingen an, Musik frei und experimentell zu produzieren. Der politische Wechsel und der gesellschaftliche Aufbruch lagen in der Luft, es war unbeschreiblich. Wir organisierten die ersten kleinen Rockfestivals und veranstalteten heimlich Partys in Kellern, wo westliche Musik gespielt wurde. Wir hatten Grosses vor. Die Träume von damals sind im Zuge der kulturellen Kommerzialisierung allerdings geplatzt. Heute gibt es nur noch wenige Musiker, die von der grossen Karriere träumen.

Der Auslandschweizer: Wie kam es dazu?

Bojken: Während der Aufbruchphase trug jeder Musiker die tiefe Sehnsucht in sich, die Welt und die zwischenmenschlichen Beziehungen musikalisch zu erkunden. Nach vier Jahrzehnten kommunistischer Schreckensherrschaft war es ein Traum eines jeden Musikers, mit dem System zu brechen.


Bruch mit dem System: Bojken war einer der ersten albanischen Musiker, der mit seiner Kunst das kommunistische Regime kritisierte. Berühmt wurde er mit einem Musikvideo, in dem Bojken die Parteielite zu seinem Auftritt applaudieren liess. Video: YouTube / evald80 (14. Mai 2007)

In der Folge des Zusammenbruchs des Kommunismus trat allerdings eine schlimme ökonomische Krise ein, die mit ausgeprägten Identitätsproblemen einherging. Musik zu machen wurde zum Luxus, die Leute mussten tagtäglich um ihr Überleben kämpfen. Zudem waren die technischen Möglichkeiten, um in Albanien Musik zu produzieren, sehr limitiert. Man musste viel Ehrgeiz mitbringen, um sich das nötige Wissen selber beizubringen. Dies führte dazu, dass die meisten Musiker realisierten, dass Albanien ein schlechter Ort für ihre musikalischen Ambitionen darstellte.

Der Auslandschweizer: Heute ist die Musikszene in Albanien stark kommerzialisiert. Wieso ist das Pendel vom kommunistischen ins kapitalistische Extrem geschwenkt?

Bojken: Der Slogan des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Albaniens, Sali Berisha, lautete: „Von der Pyramide in die Diskothek“. Die Pyramide hier in Tirana wurde nach Hoxhas Tod 1985 zu seinen Ehren erbaut.

Kommunistisches Erbe: Die Pyramide wurde in Tirana nach Hoxhas Tod zu seinen Ehren erbaut. Foto: Les Haines CC BY 2.0 (1. Juni 2013)
Kommunistisches Erbe: Die Pyramide wurde in Tirana nach Hoxhas Tod zu seinen Ehren erbaut. Foto: Les Haines CC BY 2.0 (1. Juni 2013)

Berisha wollte Albanien vom kommunistischen Erbe weg direkt in die „Diskothek“, in den kapitalistischen Westen führen. Also von einem Extrem ins andere. Dies war für die Bevölkerung sehr desorientierend. Kurz danach kam der Bürgerkrieg von 1997. Nachdem mehrere öffentliche Geldanlagefonds, ironischerweise Pyramidenspiele genannt, bankrott gingen, kam es zu landesweiten Aufständen. Es herrschte überall Anarchie, der Ausnahmezustand wurde verhängt. Innerhalb von wenigen Jahren musste die albanische Gesellschaft zwei starke Rückschläge einstecken. Unter diesen Umständen war es für die Musiker schwer, eine eigenständige, alternative Musikszene aufzubauen. So wurde von den meisten der Weg des geringsten Widerstandes eingeschlagen und fast alle Musik der Marktlogik unterworfen.

Der Auslandschweizer: Semi, wie ist es für dich als angehende Sängerin, dich unter solchen Umständen zu behaupten?

Semi: Es ist sehr schwer. Die Leute in Albanien wertschätzen die Musik überhaupt nicht. Wenn ich einen Auftritt in einer Bar habe, kommen die Leute nicht, um der Musik zuzuhören, sondern um miteinander zu quatschen. Zudem sind die Leute kaum bereit, Eintritt für Konzerte zu bezahlen. So stellen die einzigen viel versprechenden Plattformen kommerzielle Formate wie “Voice of Albania” dar, aber die dienen hauptsächlich sich selbst und weniger den Musikern.

Ich kann nicht von der Musik leben, ich betreibe nebenbei einen Nagelsalon. Am liebsten möchte ich ins Ausland, ich habe das Gefühl, das Limit des Machbaren hier bereits erreicht zu haben, aber leider kann ich mir ein Studium in London oder New York nicht leisten. Zugegeben, die Konkurrenz ist im Ausland auch viel grösser, aber immerhin hast du dort eine Chance. Hier sind deine Karrierechancen selbst mit Talent und Beziehungen aussichtslos.

Bojken: Hinzu kommt, dass auch die Politik und das Bildungssystem die Musik nicht besonders wertschätzen. Fördergelder für Kunstprojekte sind sehr begrenzt. Und selbst wenn ein Künstler sehr entschlossen und talentiert ist, dann muss er wissen, wie er sich selber vermarkten kann, denn es gibt hier keine professionellen Musikmanager. Dies führt dazu, dass die meisten talentierten Musiker kaum mehr motiviert sind, ihrer Leidenschaft in Albanien nachzugehen.

Meiner Meinung nach ist die Zeit für eine neue musikalische Revolution gekommen. Das Modell, das wir jungen Musikern momentan übergeben, ist äusserst dysfunktional. Zudem glaube ich, dass die Leute auch genug davon haben, immer nur massentaugliche Radiomusik zu hören.

Der Auslandschweizer: Versucht ihr die Situation irgendwie zu verbessern?

Bojken: Wir planen, aus meiner aktuellen TV-Show „Bulza“ ein längerfristiges Projekt zu machen. Die TV-Show lehnt an die BBC Live Lounge an, einfach etwas primitiver (lacht). Es ist eine Plattform für angehende Musiker, um ihre Musik abseits vom Mainstream einem breiteren Publikum zugänglich machen zu können.


Plattform für den Nachwuchs: Die “Indigos” an der Bulza Live Session. Video: YouTube / Bulza Live Session (14. August 2015)

Ich will damit jungen Musikern eine Perspektive geben. Mit der Hilfe des Bürgermeisters kann ich im September zudem zehn Bands aus der Show an einem Festival in der Nähe von Tirana die Chance geben, öffentlich aufzutreten. Längerfristig möchte ich aus diesem Projekt einen Pool aus Musikern, Bookern und Labels erstellen, damit diese leichter zusammenfinden und kollaborieren können.

Der Auslandschweizer: Viel Erfolg euch.

Bojken und Semi: Danke gleichfalls.