Albaner kämpfen in der Schweiz noch immer mit einem schlechten Ruf. Nicht umsonst publizierte SRF vor vier Jahren eine Doku mit dem Titel Die guten Albaner. Allein dieser Titel suggeriert bereits, dass gute Albaner in der veröffentlichten Meinung der Schweiz etwas Aussergewöhnliches und deshalb schon einen Nachrichtenwert für sich selbst darstellen.


“Clickbaiting” durch die Bewirtschaftung kultureller Vorurteile: Die SRF-Doku über die ominös-guten Albaner. Video: YouTube / Kanal von MrHallozusammen (24. November 2011) 

Auch der Auslandschweizer war vor dem im ruralen Unterägeri früh ansozialisierten Vorurteil des vertrauensunwürdigen Albaners nicht komplett gefeit. Auf Zentralschweizer Pausenhöfen wurde in den 90er-Jahren die unzimperliche Beschimpfung “Scheiss Jugo” gegenüber Albanern etwa gleich inflationär verwendet, wie “und jetzt, meinsch di?” gegenüber Angebern – obwohl, wie ich erst einige Jahre später realisierte, Albanien doch gar nie zu Jugoslawien gehörte. Aber dazu später.

Symbiotische Freundschaft

Irgendwann während der Primarschule kam Faruk als neuer Schüler in meine Klasse. Er war mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg im Kosovo geflohen und konnte kaum ein Wort Deutsch sprechen. Zwischen uns entwickelte sich schnell eine symbiotische Freundschaft. Ich liess ihn in Prüfungen von mir abschreiben (ja, auch in Aufsätzen), währenddessen er mir im Sportunterricht einige von seinen präzisen Flanken zukommen liess und mir den Tornado-Roundhouse-Kick beibrachte, damit ich mich vor “Hodel”, dem lokalen Schwingerkönig, besser verteidigen konnte. Da ich dem 100-Kilo-Hünen am Grümpelturnier einmal unüberlegt “Schällenursli” ausgeteilt hatte, lauerte er mir auf dem Schulweg nämlich manchmal auf – Mann, waren das noch Zeiten.

“Es waren Albaner”

Durch Faruk stellte ich zum Glück schon früh in meinem Leben fest, dass ich mit meinen Vorurteilen gegenüber Albanern daneben lag und man nicht alle Angehörigen einer Nationalität über denselben Kamm scheren kann. Doch in meinem sozialen Umfeld war die generelle Aversion gegenüber den Albanern weitaus standhafter. Noch in der Oberstufe hörte ich regelmässig von Jungs Geschichten, wie sie im Ausgang von Albanern verprügelt, und von Mädchen, wie sie von Albanern belästigt wurden. Immer schienen die Albaner diejenigen zu sein, die Probleme anzettelten und die Medien verstärkten diese Wahrnehmung zudem gerne noch mit Schlagzeilen wie “Albaner prügeln Schweizer in Basel spitalreif” (BaZ), oder “Albaner-Dealer im Kanton Luzern: Ermittler lassen drei Drogenringe auffliegen” (Blick).

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Fünf “gute” Albaner: Behrami, Shaqiri, Mehmedi, Xhaka und Dzemaili (v.l.n.r.). Foto: Toto Marti CC BY 2.0.

Ausser im Fussball kommen Albaner in der öffentlichen Wahrnehmung in der Schweiz generell eher schlecht weg – Schlagzeilen wie “Albanerin pflegt im Altersheim Schweizer Grossmutter” oder “Albaner bauen Schweizer Häuser und Strassen” bleiben in der Regel aus. Zudem fällt bei einer kurzen Inhaltsanalyse auf, dass in der Schweizer Medienlandschaft bei Albanern meist von “Rachemorden” die Rede ist, währenddessen bei ähnlichen Ereignissen in Schweizer Haushalten euphemistisch von “Familiendramen” gesprochen wird. Aber genug der Medienkritik.

Hilfsbereite Gastfreundschaft

Vor diesem medial verfärbten Hintergrund war ich sehr gespannt, als wir uns von Podgorica aus in Richtung Albanien aufmachten. Wie lebt es sich wohl bei den Albanern zu Hause? Obwohl ich in Pendlerzeitungen schon viel über die Albaner lesen musste, wurde mir klar, dass ich im Grunde gar nichts über das Land weiss.

Da es zwischen der montenegrinischen und der albanischen Hauptstadt noch immer keine direkte Busverbindung gibt (der Krieg ist noch nicht so lange her), entschieden wir uns wieder einmal, per Anhalter zu reisen. Nachdem wir in Zagreb drei Stunden umsonst in der prallen Mittagssonne “gestöppelt” hatten, fuhren wir nämlich mit dem Bus bis nach Montenegro.

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Kein Schwein nimmt uns mit: Melinda “stöppelt” erfolglos in Zagreb. (August 2015)

Doch anders als in Kroatien dauerte es in Podgorica keine fünf Minuten, bis uns zwei ältere Albaner anboten, uns mit ihrem etwas in die Jahre gekommenen Mercedes-Benz über die Grenze bis nach Shkoder mitzunehmen. Bevor wir also überhaupt in Albanien waren, kamen wir bereits das erste Mal mit der hilfsbereiten Gastfreundschaft der Albaner in Kontakt. Sie sollte bis zur griechischen Grenze zu einem stetigen Begleiter werden.

Vom Massentourismus verschont

Egal ob in der Hauptstadt oder den vielen ländlichen Teilen des Landes, überall begegneten uns die Einheimischen äusserst freundlich und mit einem grossen Interesse. Das verwundert kaum, verirrten sich seit den Bürgerkriegen in den 90ern doch nicht besonders viele westliche Touristen in das zu weiten Teilen immer noch sehr traditionalistische Land. Dies macht es mit seinen schönen Küsten und schroffen Gebirgen zu einem Geheimtipp für alle Reisenden, die in Europa nach touristischen Nischen suchen, die von der kulturellen Globalisierung noch nicht vollkommen durchrationalisiert wurden.

Family trekking with Donkeys: Albanian mountains. (September 2015)
Wie vor hundert Jahren: Lasttiere werden auf dem Land oft noch zu Transportzwecken eingesetzt. (September 2015)

Die politische Elite hat sich im Rahmen der Bemühungen um einen EU-Beitritt zwar für eine kulturelle Öffnung stark gemacht – unter anderem mit einem 2010 erlassenen Gesetz, das Homosexuelle vor einer systematischen Diskriminierung in Beruf und Familie schützen soll – aber der Grossteil der Bevölkerung scheint mit dem von oben angestrebten Tempo der gesellschaftlichen Liberalisierung nicht mitzukommen. 2013 gaben in einer ESS-Umfrage (European Social Survey) 53 Prozent der Teilnehmer an, Homosexualität zu verurteilen.

Das verheerende Erbe Hoxhas

Während des Kommunismus regierte Enver Hoxha nach dem Zweiten Weltkrieg während vier Jahrzehnten mit eiserner Hand über sein Volk, dem abgeschirmt von der Aussenwelt die Aneignung zivilgesellschaftlicher Deliberationsprozesse fremd blieb – jedweder Widerstand wurde von der omnipräsenten Geheimpolizei “Sigurimi” mit der Verbannung ins Arbeitslager sofort im Keim erstickt. Hoxhas verheerendes Erbe stellt die albanische Gesellschaft heute noch vor grosse juristische, kulturelle, ökonomische und ökologische Herausforderungen.

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Vier Jahrzehnte kommunistische Herrschaft: Enver Hoxha. Bild: Forrasjelöles Hasonlo CC BY-SA 3.0 (1971)

1991, nach dem Zusammenbruch der paranoiden kommunistischen Herrschaft, versank das von Misswirtschaft und Korruption geplagte Land in einer gesellschaftlichen Desorientierung, die in weiten Teilen des Landes zu einer Rückbesinnung auf den Kanun führte. Das über Jahrhunderte mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht regelt von der Blutrache bis zum Gastrecht praktisch alle Lebensbereiche und stellt die Wahrung der Familienehre ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens.


Kanun: Das dunkle Gesetz. Video: YouTube / KIRCHE IN NOT Deutschland (29. März 2011)

Die Rückbesinnung auf den teilweise stark anachronistischen Kanun führte nicht nur zu einer Verschlechterung der Position der Frau (Zwangsheirat), sondern auch zu einer starken Zunahme der Blutrache, welche während des Kommunismus verboten war. Daneben gibt es aber auch einige positive Elemente im Kanun, unter anderem das umfangreiche Gastrecht. Obwohl der Kanun bei seiner Entstehung im Mittelalter eines der fortschrittlichsten Rechtsbücher Europas war, wurde er seither nie mehr richtig an die Zeit angepasst und stellt nun als paralleles Rechtssystem eine grosse Herausforderung für den albanischen Rechtsstaat dar.

Abkehr von der Planwirtschaft

Auch die albanische Wirtschaft steht vor grossen Herausforderungen. Seit der Abkehr von der kommunistischen Planwirtschaft konnte sie zwar kontinuierlich leicht wachsen, sie stellt aber immer noch eine der am wenigsten entwickelten Volkswirtschaften Europas dar. Das BIP macht lediglich 31 Prozent des europäischen Durchschnitts aus. Viele Menschen sind von Armut betroffen, zu viele fallen durch die Maschen des ineffizienten Sozialstaats hindurch. In Tirana sind überall Menschen zu sehen, die in Abfallcontainern nach Essen suchen.

Dumpster-Diver: Tirana. (September 2015)
Ineffizienter Sozialstaat: Ein Mann sucht in Tirana nach Essen. (September 2015)

Zudem weist Albanien gemäss Guardian Weekly die höchste Umweltverschmutzung Europas auf. Altlasten der Industrie verschmutzten während der letzten Jahrzehnte Wasser, Luft und Boden in einem bedenklichen Ausmass. Die Landstrassen werden von importierten Diesel-Gebrauchtwagen ohne nennenswerten Partikelfiltern befahren und von achtlos entsorgtem Müll am Strassenrand gesäumt.

Aufgeschlossener Charakter

Trotz oder vielleicht auch aufgrund dieser vielschichtigen Probleme habe ich die Albaner als sehr aufgeschlossene, hilfsbereite und zuversichtliche Menschen wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund glaube ich nun auch zu verstehen, warum einige von ihnen in der Schweiz anecken. Es muss sehr verwirrend sein, aus einer solchen Gesellschaft in die strikt durchregulierte Schweiz zu ziehen, wo man den eigenen Nachbarn nicht richtig kennt und nur an guten Tagen grüsst.

Best hosts: Dorjan and colleague.
Gelebte Gastfreundschaft: Unsere Gastgeber Dorjan (l.) und sein Kollege. (September 2015)

Genauso wie die Albaner haben eben auch die Schweizer ihre Eigenheiten und es würde wohl beiden Gemeinschaften nicht schaden, etwas unvorein-genommener aufeinander zuzugehen, zumal beide etwas voneinander lernen können. Die Albaner, die ich in der Schweiz sowie in Albanien getroffen habe, konnten dem schlechten Ruf, den sie bei uns haben, jedenfalls nicht gerecht werden.