Etwas verunsichert stehe ich in der Umkleide des ältesten Hamam Istanbuls, meine Badehose in der linken, das rot-weiss gestreifte Peştemal-Handtuch in der rechten Hand. Am Empfang haben mir Tee trinkende Männer erklärt, ich solle für die Massage auf die Badehose erst mal verzichten. Na gut. Ich winde mir das Peştemal-Handtuch um die Lenden, schlüpfe in die Adiletten und begebe mich in die pompös-barocke Eingangshalle der 1741 erbauten Bade- und Massageanstalt Cağaloğlu Hamamı. Offenbar haben sich hier schon Persönlichkeiten wie Kaiser Wilhelm, George Soros und Cameron Diaz ein erholsames Bad gegönnt. Ich stehe also kurz davor, mich in die wahrscheinlich bedeutendste Reihe von Badegästen einzureihen, die die Welt je gesehen hat.

 

Als Erstes soll ich im Dampfbad Platz nehmen, weist mich Dr. Ali, mein persönlicher Masseur und Bademeister an. Er ist knappe 1,60 Meter gross, trägt einen beeindruckenden Lenin-Schnurrbart sowie eine imposante Wampe vor sich her. Mit einem schelmischen Grinsen fragt er mich: “First time?” Ich setze mich nickend ins Dampfbad und lasse mir die Rückstände meines Tabakkonsums von dem nach Lavendel riechenden Wasserdampf aus meinen Lungenkapillaren schwemmen. Eine Wohltat sondergleichen.

Rabiat und wenig zimperlich

Zehn Minuten später trete ich völlig verschwitzt aus der verdampften Hitzekammer hinaus und lege mich auf den Nabelstein, neben dem Dr. Ali bereits geduldig wartet. Die runde Marmorplatte befindet sich in der Mitte der grossen Halle, über der sich majestätisch eine mit Löchern versehene Kuppel ausbreitet. Der Wasserdampf reflektiert das Tageslicht, das durch die Löcher in der Kuppel strömt. Von den Marmorwänden widerhallt der Schall von plätscherndem Wasser. Ein wahrlich guter Ort, um sich so richtig zu entspannen.

Doch als Dr. Ali mit der Auflockerungsphase beginnt, ist es mit der sanften Entspannung schnell vorbei. Denn er geht ziemlich rabiat und nur sehr wenig zimperlich zur Sache. Mit seinem vollen Körpergewicht drückt er mir meine verschränkten Arme auf den Brustkorb, so dass es in meinem Rücken rumpelt und knackst, als würde ich weitaus mehr als 27 Jahre auf meinem Buckel tragen.

Wie ein Reptil in der Häutungsphase

Nach dieser kurzen Auflockerung zieht sich Dr. Ali die Kese, einen rauhen Ziegenhaar-Handschuh, über und beginnt damit, meinen gesamten Körper zu peelen. Ich komme mir vor wie ein Reptil in der Häutungsphase und schaue zu, wie sich mein griechischer Teint von mir verabschiedet. Als nächstes schickt mich Dr. Ali unter die Dusche. Ich soll mir vor der Massage meine alten Hautzellen abspülen.


Doch bevor Dr. Ali nach der Dusche mit der eigentlichen Massage beginnt, ölt er meinen gesamten Körper mit einem angenehm riechenden Balsam ein. Der homo-erotische Gehalt dieser Szene irritiert mich ein bisschen, also schliesse ich die Augen und versuche mich allein auf meine Haptik zu konzentrieren und Dr. Alis Berührungen zu geniessen. Es funktioniert allerdings nicht besonders gut; vor meinen geschlossenen Augen erscheint immer wieder das Bild seines beeindruckenden Schnauzes. Lange brauche ich mich jedoch nicht um Ablenkung zu bemühen, denn mit dem Beginn der Massage ist jede Zärtlichkeit schnell wieder verflogen.

Schmerzende Griffe

Auf der Suche nach verkrampften Druckstellen kneten während der nächsten 20 Minuten Dr. Alis kräftige Hände meine Muskulatur zweimal gründlich durch. Manchmal schmerzen seine starken Griffe so sehr, dass ich mich beherrschen muss, nicht laut loszuschreien und die idyllische Akustik im Raum zu stören.

Nachdem Dr. Ali meine Muskeln weich geklopft hat, beginnt er damit, mich mit Schaum einzuseifen. Dazu benutzt er einen Baumwollsack, den er erst in ein Seifenbad tunkt und danach mit Luft füllt, um ihn über meinem Körper auszupressen. Er massiert mich nun mit dem Schaum noch ein drittes Mal komplett durch.


Von Männern, für Männer: Die Hamam-Massage. Video: YouTube / Sercan Cepni (1. Dezember 2014)

Nachdem mir Dr. Ali den Schaum abgespült und signalisiert hat, dass die Prozedur nun zu Ende ist, muss ich mich erst einmal sammeln. Ich fühle mich gleichzeitig gerädert und wie neu geboren. Nach einer letzten Dusche verlasse ich das Bad und gehe zurück in die Eingangshalle. Dort wartet schon jemand auf mich und wickelt mir ein Handtuch um die Schultern und eines um den Kopf. Ich setze mich an den grossen runden Tisch zwischen den Marmorsäulen und trinke mit den anderen Männern einen Chai-Tee. Ich glaube, ich fühlte mich noch nie in meinem Leben so sauber – und schon lange nicht mehr so männlich.

hamam
Echte Kerle: Dr. Ali (l.) und der Typ, der rückkehrende Badegäste mit Handtüchern empfängt. (Oktober 2015)