Es ist bereits dunkel, als ich mit Tülinay, einer 31-jährigen Traumatherapeutin und Frauenrechtsaktivistin, beim forensischen Institut in Ankara eintreffe. Drei Tage zuvor erschütterte ein blutiger Bombenanschlag auf einen von der pro-kurdischen HDP mitorganisierten Friedensmarsch die türkische Hauptstadt. 102 Menschen starben dabei, über 500 wurden teils schwer verletzt. Es handelt sich damit um den schwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei.

Warten auf DNA Proben

Auf dem Platz vor dem forensischen Institut warten einige Familienmitglieder von Vermissten noch immer apathisch auf die Auswertung der DNA Proben von Leichen, die optisch nicht identifiziert werden konnten.

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Improvisiertes Care Center: Familienmitglieder warten auf die Auswertung der DNA Proben. Foto: Philippe Stalder (13. Oktober 2015)

Die Hoffnung auf eine wundersame Rückkehr der Vermissten haben die allermeisten zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits aufgegeben. Sie wollen nur noch die Gewissheit über den Tod ihrer Nächsten bekommen. Man sieht den Hinterbliebenen an, dass sie seit Tagen nicht mehr geschlafen haben. Verzweiflung, Ohnmacht und Resignation prägen ihre Mienen. Tülinay kümmert sich im Care Center um Bekannte von ihr, obwohl die Traumatherapeutin selbst am Friedensmarsch teilgenommen und über zehn Freunde verloren hat. Ans Aufhören denkt sie aber nicht:

“Ich muss jetzt einfach funktionieren. Wenn ich mich nicht um die Hinterbliebenen kümmere, wer dann?”

In der Tat hielt sich die Solidarität mit den Opfern ausserhalb der Kreise, die die Friedensbewegung gegen den bewaffneten Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen Arbeiterpartei PKK unterstützen, in Grenzen.

Fussballfans missachten Schweigeminute

So haben türkische Fussballfans während eines Matches in Konya eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags mit Pfiffen und Buh-Rufen gebrochen.



Auch die Regierung zeigte sich in ihrer Reaktion auf den Anschlag mit den Opfern nicht besonders empathisch. Im Gegenteil: Erdogan, der ansonsten nur wenige Möglichkeiten auslässt, seine Meinung kundzutun, verschwand nach dem Anschlag für drei Tage komplett von der Bildfläche. Zudem waren die Medien angehalten, keine Bilder des Anschlags zu zeigen und nicht ein einziger Regierungsvertreter war an einer der vielen Beerdigungen präsent. Im Gegensatz zu den Terroranschlägen in New York oder Paris, die sich wenigstens kurzfristig solidarisierend auf die Gesellschaft ausgewirkt hatten, hat der Bombenanschlag in Ankara die türkische Gesellschaft einen Monat vor den vorgezogenen Neuwahlen nur noch weiter gespalten.

Polarisierung schreitet während des Wahlkampfs voran

Auf der einen Seite stehen die Sympathisanten der pro-kurdischen HDP – die mit ihrem gesellschaftsliberalen Wahlprogramm nicht nur Kurden, sondern auch viele der unzufriedenen Gezi-Protestler ansprachen und im Juni überraschend mit 13 Prozent Wähleranteil ins Parlament eingezogen sind – und auf der anderen Seite die islamisch-konservative AKP des Präsidenten Erdogan, der im Juni aufgrund des Wahlerfolgs der HDP die Mehrheit im Parlament verloren und für den 1. November vorgezogene Neuwahlen ausgerufen hatte, da er keine Koalition zu Stande bringen konnte/wollte. In der Hoffnung, mit den Neuwahlen die Mehrheit zurückzugewinnen, präsentiert sich Erdogans Regierung nun als Garant für Stabilität und Sicherheit. So behauptete der Premierminister Ahmet Davutoglu allen Ernstes, die PKK habe gemeinsam mit dem IS den Anschlag in Ankara durchgeführt – obwohl sich die beiden Organisationen in Syrien als Erzfeinde bis aufs Blut bekämpfen.



Davutoglus Zynismus ging allerdings noch einen Schritt weiter; er stellte zudem die These auf, dass der Anschlag nur dazu eingefädelt wurde, um die AKP davon abzuhalten, die Mehrheit in den Neuwahlen zurückzugewinnen:

“Wir (die AKP) sind die wahren Opfer des Anschlags.”

Ermittler hingegen gehen davon aus, dass der Anschlag von einer IS-Zelle aus Adiyaman an der syrischen Grenze durchgeführt wurde. Einer der beiden Selbstmordattentäter von Ankara soll der Bruder des Suruc-Attentäters sein, der im Juli 34 Menschen in der südosttürkischen Stadt mit in den Tod gerissen hatte.

Wachsendes Misstrauen gegenüber der Regierung

Diese Erkenntnis lässt das Versagen der türkischen Sicherheitskräfte in Bezug auf den Anschlag in der Hauptstadt jedoch nur noch kläglicher erscheinen. Währenddessen die Polizei in den letzten Jahren Hunderte von Journalisten und Protestlern wegen “Unterstützung terroristischer Organisationen” angeklagt und inhaftiert hatte, war es ihr nicht gelungen, eine tatsächliche Terrorzelle im Südosten des Landes auszumachen, bevor diese einen Anschlag auf die Hauptstadt durchführen konnte. Das lässt das Misstrauen gegenüber der Regierung zumindest unter denjenigen erstarken, die ohnehin schon davon ausgehen, dass Erdogan mit dem IS unter einer Decke steckt. In der Tat häuften sich Berichte, nach denen Hunderte IS Kämpfer ohne grosse Probleme über die Türkei nach Syrien und Irak in den Heiligen Krieg zogen. Ausserdem profitiert Erdogan von der Unruhe, die der IS in der Region stiftet. Einerseits bekämpft der IS in Syrien die kurdische YPG, die Bruderorganisation der PKK, andererseits erlaubte die Situation Erdogan, Angriffe auf PKK Stellungen zu fliegen – unter dem Deckmantel von offiziell gegen den IS gerichteten Anti-Terror-Massnahmen. Ob seine Rechnung im Hinblick auf die Neuwahlen aufgehen wird, bleibt allerdings fraglich. Umfragen zufolge hat die HDP seit den Juni-Wahlen nochmals knapp ein Prozent Boden gut gemacht.

Die Stunde des Selahattin Demirtas

Erdogans Gegenspieler im Wahlkampf ist einer der beiden HDP-Parteiführer, der Kurde Selahattin Demirtas. Ihm ist der sensationelle Wahlerfolg vom Juni massgeblich zuzuschreiben. Er verkörpert eine neue Ära in der türkischen Politik, in der die ethnische, konfessionelle und sexuelle Gleichberechtigung – und weniger die stramm muslimisch-nationalistische Norm – den Ton angibt. Im Gegensatz zu Erdogan traf sich Demirtas nach dem Anschlag täglich mit Hinterbliebenen, sprach mit der Presse und verbreitete unter den Schockierten immerhin ansatzweise einen Funken Hoffnung:

“In Ankara starben nicht nur Kurden, sondern auch Türken, praktizierende Moslems und nicht-praktizierende Moslems. Wir können es uns nicht erlauben, auseinandergerissen zu werden. Ein Wandel ist unumgänglich.”

Man könnte fast meinen, Demirtas sei der Präsident der Türkei. Doch wie der wahre Präsident nutzte auch Demirtas den Anschlag als Steilvorlage für einen Angriff auf seinen politischen Gegner.

“An den Händen des Staates klebt Blut”

So beschuldigte er die Regierung, einen Krieg zu riskieren, nur um die Wahlen zu gewinnen und an der Macht zu bleiben: “Die AKP startete als Volkspartei. Doch dieser Tage attackiert Erdogan das Volk aus Angst, ein paar Stimmen zu verlieren. Hätte die Regierung auch nur einen Funken Ehre, sollte sie zurücktreten. Denn an den Händen des Staates klebt Blut.”

Findet klare Worte: Demirtas Stellungnahme nach dem Bombenanschlag in Ankara (Untertitel verfügbar unter Einstellungen). Video: YouTube / Turkish Politics (10. Oktober 2015)

Auch wenn Demirtas die Regierung aufs Schärfste kritisiert, so hat er kein Interesse daran, die Kluft zwischen Türken und Kurden zu verstärken. Denn damit die HDP aus ihrer Rolle als Oppositionspartei herauswachsen kann, ist sie auf neue Stimmen aus dem AKP-Milieu angewiesen.

Die Hypothek der HDP

Das Problem der HDP liegt allerdings in ihrer ungewissen Nähe zur PKK. Obwohl die kurdische Arbeiterpartei dem IS bisher erfolgreich die Stirn bieten konnte, wird sie von Europa und den USA weiterhin als Terrororganisation eingestuft. Nicht zuletzt, weil sie seit Juli rund 140 türkische Sicherheitskräfte getötet und dadurch zur wachsenden Gewaltspirale im Land beigetragen hat. Auch wenn Demirtas die Gewaltbereitschaft verurteilt und sich seine Partei von der PKK distanziert, unterstützen viele kurdische HDP-Anhänger dennoch die PKK. So auch Demirtas Bruder, der in den Bergen des Nordiraks mit den kurdischen Rebellen kämpft.

Verarbeitung wird lange dauern

Für Tülinay spielt die Parteipolitik im Vorfeld der Wahlen mittlerweile keine bedeutende Rolle mehr. Sie wird sich in ihrer Betreuungsarbeit noch eine ganze Weile mit existenzielleren Problemen auseinandersetzen müssen. Wann sie sich eine Pause gönnen und allenfalls selbst in eine Therapie begeben wird, weiss die 31-Jährige angesichts der vielen Toten und Hinterbliebenen noch nicht. Sie weiss nur, dass die Verarbeitung noch lange dauern wird – und dass sie ihre Stimme am 1. November wieder der HDP geben wird.