Um das Schicksal der internationalen jüdischen Gemeinschaft war es schlecht bestellt, als Theodor Herzl 1897 zum ersten Zionistenkongress in Basel aufrief. Die jüdische Emanzipation in den ’zivilisierten’ Ländern Europas schien gescheitert. „Der Antisemitismus wird nie verschwinden, alle Bemühungen der Juden um Assimilation werden ihn eher noch verstärken.“, so Herzls nüchternes Urteil in seinem 1896 erschienenen Buch Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage.



In diesem richtungweisenden Werk skizzierte der Österreicher Herzl erstmals die Idee einer souveränen und staatlichen jüdischen Organisation, um dem planlosen und zerstreuten Auswandern europäischer Juden ein gemeinsames Ziel zu geben und Siedlungsaktionen völkerrechtlich abzusichern. Bis zur umstrittenen Anerkennung des Staates Israel durch die UNO 1948 war es jedoch noch ein langer Weg, als die ersten Zionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den kargen Landstreifen zwischen dem roten Meer im Süden und dem See Genezareth im Norden zu besiedeln begannen.

Geschlossene und klassenlose Gemeinschaften

Der Arbeitsalltag der Siedler war hart und der zionistische Gedanke hatte seinen Preis. Schon damals sahen sich die Zionisten mit Angriffen der lokalen Beduinen konfrontiert, welche die jüdischen Siedler eher als Eindringlinge und nicht als erwünschte Nachbarn in ihrem Gebiet sahen. So organisierten sich die sozialistisch geprägten zionistischen Pioniere in einer bis heute einzigartigen Gesellschaftsform: dem Kibbuz.

Inspiriert vom kommunistischen Gespenst, das zu dieser Zeit umherging in Europa, gründeten die zionistischen Arbeiter geschlossene und klassenlose Gemeinschaften, die je nach Grösse zwischen 100 und 1’500 Mitglieder zählten. Eigentum sollte im Kibbuz geteilt und Entscheide basisdemokratisch gefällt werden. Heute leben noch rund 2% der jüdischen Bevölkerung in den 260 verbliebenen Kibbuzim in Israel.

Queres Gesellschaftsmodell

Was ist von den sozialistischen Lebensinhalten der Kibbuzim im kapitalistischen Israel übrig geblieben? Und wie steht die Jugend zu diesem Gesellschaftsmodell, welches in einem so krassen Gegensatz zur individualistischen, westlichen Leitkultur steht? Anders als ihre Vorfahren wurde die Jugend ja in dieses System hineingeboren und hatte sich nicht aktiv für ein Leben im Kibbuz entscheiden können. Mit diesen Fragen im Kopf besuchte der Auslandschweizer Ende Mai 2014 im Rahmen seiner Studien-Abschlussreise seinen Freund Liron, der nach drei Jahren in Lateinamerika gerade zurück in sein Kibbuz gezogen war. In der Einfahrt zu Lirons Kibbuz stand ein grosses gelbes Tor. Es öffnete sich erst, als wir Liron anriefen und ihm mitteilten, dass wir angekommen waren. Auch heute noch ähnelt der Kibbuz einer gated community, einer mit Stacheldraht eingezäunten Kommune also, in die nur hineinkommt, wer angemeldet ist.

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MA-Abschlussreise: Der Auslandschweizer besucht mit seinen Kommilitonen Liron (3. o.v.l.) in Yizre el. (Mai 2014)

Liron lebt in einem mittelgrossen Kibbuz, welches 549 Einwohner zählt. Es wurde 1948 von australischen und südafrikanischen Juden gegründet. Noch heute sprechen hier alle einen sehr starken australischen Akzent, was uns am Anfang noch etwas irritierte, hatten wir uns doch erst gerade an den starken hebräischen Akzent gewöhnt. Liron empfing uns in seiner Wohnung bei einem kühlen Goldstar. Seine 1.5-Zimmer Wohnung war schlicht eingerichtet. Ein Bett, ein Pult mit einem Laptop, ein Sofa und ein Kühlschrank. Jeder Familie stand eine dieser kleinen Wohnungen zu. Denn bis Ende der 80er Jahre gaben Eltern ihre Kinder nur wenige Tage nach der Geburt ins kommunale Kinderheim ab, wo sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr wohnten. Deswegen hat jede Wohnung auch nur ein Schlafzimmer.

Eine Generation traumatisierter Kinder

Es war eine logische Konsequenz des sozialistischen Prinzips der Gleichheit, dass auch alle Kinder die gleiche Erziehung erhalten sollten. Die Gründerväter wollten nicht, dass soziale und ökonomische Bürden die Entwicklung der Kinder beeinflussten. „Dieses Paradigma erzeugte eine ganze Generation traumatisierter Kinder, die in 5-minütiger Distanz zum Elternhaus fast wie Waisen aufwuchsen.“, erinnerte sich Liron mit bitterem Unterton an die Jugend seiner Eltern.

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Kollektivistische Erziehung: Kinder im Kibbuz Givat Hshlosha. (1930er)

Denn um die Eltern von der Erziehungsarbeit zu entlasten und somit die Arbeitsleistung der Familien zu erhöhen, wurde auch der intimste Lebensbereich, die Familie, durch den Kibbuz kollektiviert. Mehr als eine Stunde Familienzeit zwischen Feierabend und Abendessen pro Tag blieb da nicht übrig. Doch die Kollektivierung der Erziehung war auch der Anstoss zur Emanzipation der Frau in der damals sehr patriarchalischen jüdischen Gesellschaft. Da sich die Frauen im Kibbuz nicht mehr um die Kinder kümmern brauchten, öffneten sich ihnen Aufgaben in anderen Lebensbereichen, wo sie den Männern nun auf Augenhöhe begegnen konnten. Und auch die Bevorteilung von Kindern reicherer Eltern hatte damit ein Ende. Als die erste Generation kollektiv erzogener Kinder in den 70er Jahren jedoch alt genug war, um den basisdemokratischen Entscheidungsprozess im Kibbuz mit zu beeinflussen, wurde die wenig familienfreundliche Erziehungsweise sukzessive abgebaut.

Niemand muss fürs Essen bezahlen

Andere Elemente der kollektivistischen Gemeinschaft haben sich bis heute allerdings erhalten. Dies wurde mir klar, als ich Liron etwas naiv fragte, wo denn seine Küche sei. Nachdem er sich von einem kurzen Lachanfall erholt hatte, erklärte er mir, dass auch die Küche kollektiv betrieben werde. Der Essensraum, den wir fürs Abendessen betraten, erinnerte mich etwas an die Mensa meiner Uni. Im Eingang des grossen Saals, der Tische für über 500 Leute fasste, stand ein einladendes Buffet mit verschiedenen Menüs aus lokalen Zutaten. Nur mit einem Unterschied, niemand hier musste für sein Essen bezahlen – zumindest nicht mit Geld. Jeder Einwohner des Kibbuz erledigt einen Teil der Arbeit, die im Kibbuz anfällt. Liron hatte sich seit seiner Rückkehr aus Mexiko dafür entschieden, im Garten zu arbeiten. Pro Stunde bekam er dafür umgerechnet sechs Euro in bar. Den Rest seines Gehalts erhielt er in Form von kommunalen Dienstleistungen. So bezahlte er keine Miete für seine Wohnung, er konnte täglich drei Mahlzeiten zu sich nehmen (soviel nachschlagen wie er wollte und ausnahmsweise auch mal acht Gäste einladen), er erhielt eine medizinische Grundversorgung und er durfte das kommunale Eigentum benutzen.

Die wichtigste Excel Tabelle

Wie das mit dem gemeinsamen Eigentum funktioniert, erfuhr ich später am Abend, als wir ein Auto des Kibbuz für einen Ausflug zum Strand reservieren wollten. Liron zeigte mir eine riesige Excel Tabelle mit etlichen Reitern. Für jeden Gebrauchsgegenstand gibt es einen eigenen Reiter mit den verschiedenen Gegenständen in den Zeilen und den Daten in den Spalten. Man trägt einfach in die Tabelle ein, wann man welchen Gegenstand braucht. Dies funktioniere meistens ganz gut, versicherte mir Liron, ausser z.B. an Feiertagen, wo viele Leute gleichzeitig ein Auto reservieren wollen, was die Spontaneität und das Freiheitsgefühl natürlich etwas einschränke. Deswegen überlegte sich Liron auch, ein eigenes Auto zu kaufen. Denn was früher noch als egoistischer Eigennutz sozial geächtet wurde, war mittlerweile weitestgehend akzeptiert. Sowieso zeichnet sich das Kibbuz durch eine wundersame Verträglichkeit zwischen Kollektivismus und Individualismus einerseits und Sozialismus und Kapitalismus anderseits aus. Um einer drohenden Abwanderung der individualistischen Jugend entgegenzuwirken, führten die meisten Kibbuzim in den 80er Jahren eine Jugendauszeit ein.

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Jugendauszeit: Liron in Rio de Janeiro. (2010)

Zwischen dem 21. und 29. Lebensjahr (also nach Abschluss des Militärdienstes und vor der Zeit, in der die Familiengründung ein Thema wird) geniesst die Jugend einen Sonderstatus: Sie darf in eine Stadt ziehen um zu studieren oder kann in der Welt umherreisen, ohne das Anrecht auf einen Wohnsitz im Kibbuz zu verlieren. Kompensiert werden die fehlenden Mittzwanziger mit temporären Volontären, meist amerikanischen Juden, die im Rahmen ihres kulturellen Selbstfindungstrips einige Monate in einem Kibbuz leben und arbeiten wollen.

Individualismus im Kollektivismus

Ein weiteres Beispiel für ermöglichten Individualismus im gelebten Kollektivismus stellt eine eigene Abteilung der Schule dar, die speziellen musischen Talenten ermöglicht, ganz gezielt gefördert zu werden. Doch was mich persönlich noch mehr faszinierte als das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Kollektivismus, ist, wie sich in den letzten Jahrzehnten die sozialistischen Kibbuzim den Kapitalismus angeeignet hatten. Denn wie sein grosser Bruder USA zeichnet sich auch Israel durch eine neoliberale Marktwirtschaft aus. Betrieben die meisten Kibbuzim die Agrarwirtschaft zu Beginn ihres Bestehens noch, um autark überleben zu können, so produzieren die Landwirte der Kibbuzim heute weitaus mehr, als dass sie selber benötigen und bescheren ihren Kibbuzim so Jahr für Jahr eine positive Handelsbilanz.

Leben nach einer kommunistischen Maxime

Doch auch die Kibbuzim haben mit dem technologischen Fortschritt Schritt gehalten. Nur noch 10% der Kibbuzim betreiben heute Agrarwirtschaft. Auch Lirons Kibbuz war schon lange aus der Landwirtschaft ausgestiegen. Heute produziert er in seiner eigenen Produktionsstätte Roboter, die Swimmingpools reinigen. Da würde sich Lenin doch glatt im Grabe umdrehen.

Sozialismus plus Kapitalismus ergibt Kibbuzismus!“, erklärte mir Liron mit einem zwinkernden Auge die Sachlage. Das erklärte für mich zwar nur bedingt, wieso die kommunistische Maxime „gib was du kannst und nimm was du brauchst“ über dem Eingang zu einer High-Tech-Fabrik für Swimmingpoolroboter stand, aber solange es meinem Freund einleuchtete, war mir das auch recht.

Dabei haben weitaus nicht alle Kibbuzim den Sprung in die Neuzeit geschafft. Viele zerbrachen auch an inneren und äusseren Widersprüchen oder an den Vergewaltigungsskandalen, die Anfangs der 90er Jahren aufgedeckt wurden. Einige Kibbuzim wurden auch privatisiert und funktionieren heute wie normale Gemeinden.

“Miteinander statt gegeneinander”

Ich denke schon, dass ich später mit meiner Familie mal in einem Kibbuz leben möchte“, antwortete mir Liron auf die Frage, wie er sich seine Zukunft vorstelle.

„In der Stadt ist es mir schlicht zu hektisch und zu anonym. Zudem arbeiten die Leute in der Stadt eher gegeneinander als miteinander. Hier weißt du wenigstens, wofür du morgens aufstehst. Nicht für deinen Chef – sondern für deine Gemeinschaft.“

Obwohl ein Leben im Kibbuz kein Lebensentwurf für den Auslandschweizer wäre, so bin ich trotzdem fasziniert von der Idee, dass alternative Gesellschaftsformen möglich sind – auch in westlichen, kapitalistischen Gesellschaften.