Der Bazar bildet das Herzstück einer jeden iranischen Stadt. Hier findet man von Datteln über Eisenwaren bis hin zu Teppichen so ziemlich alles für den täglichen Gebrauch. Hier treffen die Mitglieder der sonst eher getrennt lebenden unterschiedlichen sozialen Schichten aufeinander. Und hier lässt sich mitten in der emsigen Hektik des Alltags Zeit finden. Zeit für minutenlanges Feilschen, Zeit für ausgelassene Gespräche zwischen Wasserpfeifen und Zeit für Backgammon – das wohl älteste Brettspiel der Welt.

Als ich an meinem ersten Tag im Iran den besonders für seine feinmaschigen Teppiche bekannten Bazar in Täbris erkundschaften will, versperrt mir jedoch eine Gruppe von Riot-Polizisten mit grimmigen Mienen den Weg. „Today Bazar shut down“, erklärt mir ein junger Beamter knapp. Auf meine Frage nach der Ursache für die Schliessung des Bazars geht er nicht weiter ein. Also begebe ich mich in ein nahe gelegenes Cafe und bestelle einen türkischen Kaffee sowie eine Schachtel Bahman-Filter-Zigaretten – die beiden einzigen legal erhältlichen Drogen in der Islamischen Republik.

“Ein Schlag ins Gesicht unserer Volksseele”

Bald schon spricht mich ein freundlicher und aufgeschlossener Bursche namens Ali an. Nachdem er mich zehn Minuten lang mit Fragen zu meiner politischen Haltung gegenüber dem Iran durchlöchert hat, will ich von ihm wissen, was es mit der Schliessung des Bazars auf sich hat. Urplötzlich verfinstert sich seine Miene:

“Die Diskriminierung der aserbaidschanischen Minderheit durch den staatlichen TV-Sender IRIB war ein Schlag ins Gesicht unserer Volksseele.”

Rund 13 Millionen ethnische Aserbaidschaner (Azeris) leben im Nordwesten des Iran und machen damit 16 Prozent der Population aus. Aufgrund ihres türkischen Dialekts werden sie im Volksmund auch Türken genannt, obwohl sie ursprünglich aus Aserbaidschan stammen.

Ethnien und Religionen im Iran. Bild: Worldmaper CC BY-SA 4.0 (11. July 2015)
Ethnicities and Religions in Iran. Image: Worldmaper CC BY-SA 4.0 (11. July 2015)

In den letzten Jahren intensivierten sich die Spannungen zwischen den Azeris und der Zentralregierung in Teheran, da sie den türkischen Dialekt der Azeris in Schulen verboten und die türkischen Namen von Flüssen, Orten und Bergen in “reines” Farsi abgeändert hatte. Zudem wurden einige Aktivisten inhaftiert, die sich für die kulturellen und sprachlichen Rechte der Azeris stark gemacht hatten.

Kindersendung treibt Tausende Azeris auf die Strasse

Von Ali erfahre ich, dass am Vortag in mehreren aserbaidschanischen Städten, unter anderem auch in Täbris, grosse Demonstrationen stattgefunden haben, nachdem der staatliche TV-Sender IRIB am 6. November eine Episode der populären Kindersendung Fitilehha ausgestrahlt hatte, in der sich ein Azeri die Zähne mit einer Klobürste putzte – eine für die Azeris unverzeihliche Anspielung auf ihren türkischen Dialekt.

Kindersendung treibt Hunderte Azeris auf die Strasse: Protest in Täbris. Video: Radio Free Europe Radio Liberty. (9. November 2015)

Die Demonstranten zogen in Täbris durch die Strassen rund um den Bazar und skandierten Parolen wie “Stopp dem Rassismus gegen Azeris”. Spontane Demonstrationen sind im Iran seit der gewalttätigen Zerschmetterung der Grünen Bewegung (der Protestwelle gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads 2009) äusserst selten geworden.

Dutzende inhaftierte Demonstranten

Auch dieses Mal ging die Polizei nicht besonders zimperlich mit den Demonstranten um. Sie setzte Tränengas ein, um die aufgebrachte Menge auseinander zu treiben, inhaftierte Dutzende Demonstranten und veranlasste bis auf Weiteres die Schliessung des Bazars in Täbris.

 

IRIB-Chef Mohammad Sarafraz entschuldigte sich am nächsten Tag bei der Azeri-Gemeinschaft: “Die Produzenten dieser Sendung werden für diesen bedauerlichen Fehler gerade stehen müssen. Zudem wird sich der Sender künftig stärker für den nationalen Zusammenhalt einsetzen.”

Tiefere ethnische Risse

Auch wenn die Zentralregierung in Teheran nach aussen gerne ein Bild nationaler Kohäsion vermittelt, so lässt dieser Vorfall auf tiefere ethnische Risse in der iranischen Gesellschaft schliessen. Denn wenn ein schlechter Witz in einer Kindersendung latente ethnische Spannungen aufblühen lässt und umgehend zu Massendemonstrationen führt, zeugt das nicht gerade von einer intakten nationalen Einheit.